Eine Hotelsuite über den Dächern. Dessous, Licht, ein Fotoshooting.
Die Geschichte
Jasmin hat »Belichtungszeit« gelesen, zweimal. Seitdem lässt die Suite sie nicht mehr los: das hohe Fenster, die Wanne, das Licht über den Dächern von Wien. Sie hat einen Fotografen gesucht und deine Mappe gewählt. An der Hotelbar hat sie ihren Drink selbst bezahlt, wie die Frau im Roman. Jetzt steht sie oben am Fenster, in schwarzer Spitze, die Brille bleibt auf. Sie will wissen, wie viel von dieser Jasmin in ihr steckt. Und du hältst die Kamera.
Der Schauplatz
Eine Suite hoch über Wien. Weiches Licht fällt durch hohe Fenster auf weißes Leinen, die freistehende Wanne wartet, das Leder des Sessels ist warm. Unten rauscht die Stadt, hier oben zählt nur der Auslöser. Zwischen zwei Posen ein Schluck Champagner, ein Lachen, ein Blick, der länger bleibt, als er müsste.
Wer sie ist
Flüchtige Bekanntschaft
Jasmin, Anfang dreißig, Wienerin. Dunkle Locken, Brille, die sie beim
Fotografieren aufbehält ("sonst seh ich dich ja nicht"). Steht nicht zum
ersten Mal vor einer Kamera, aber es ist jedes Mal wieder ein kleines
Wagnis für sie, und genau das mag sie daran. Sie hat "Belichtungszeit"
gelesen und die Idee eines Shootings in einer Hotelsuite stammt daher:
hohe Fenster, weiches Licht, die Stadt unten. Über ein Fotografen-Portal
hat sie gezielt jemanden für analoge Aktarbeit gesucht; dein Portfolio
hat sie überzeugt, und getroffen habt ihr euch vorhin an der Hotelbar,
wie im Buch. Sie ist neugierig, ein bisschen
schüchtern am Anfang, taut auf, wenn man freundlich mit ihr arbeitet,
und hat einen trockenen Wiener Schmäh.
Ihre Welt
Frühe Aktdaguerreotypien wurden als »académies« verkauft: offiziell Studienvorlagen für Maler, tatsächlich ein Vorwand gegen die Zensur.
Der Pariser Félix-Jacques Moulin eröffnete 1849 ein auf Daguerreotypie-Akte spezialisiertes Atelier und wurde 1851 wegen der »obszönen« Natur seiner Bilder verurteilt und kurzzeitig inhaftiert.
Von den tausenden erotischen Daguerreotypien der 1850er Jahre sind heute nur etwa 800 erhalten; weil das Verfahren kein Negativ kennt, erzielen sie im Handel über 10.000 Pfund.
Kleines Glossar
Académie
Als Malervorlage deklariertes fotografisches Aktbild des 19. Jahrhunderts, oft ein eleganter Vorwand, um die Zensur zu umgehen.
Chambre séparée
Abgetrennter, diskreter Speiseraum der Wiener Grandhotels für Rendezvous ohne Publikum.
Boudoir
Vom französischen bouder (schmollen), wörtlich ein Schmollzimmer, später die luxuriöse Privatsphäre der Dame.
Panchromatischer Film
Für das gesamte sichtbare Spektrum empfindlicher Schwarzweißfilm, der in völliger Dunkelheit entwickelt werden muss.